Gabrielen in Praha

Und immer wieder Osten: Kürzlich verschlug es zwei Gabrielen und reizenden Anhang ins wunderschöne Prag. Unser Kollektivhahn im Korb (möge er mir diese Bezeichnung verzeihen) verbringt dort seine Zeit bei der Prager Zeitung. Das eine oder andere Exemplar fand in uns natürlich Leser. Und wir fanden: die Moldau, Bier, Kopfsteinpflaster, eine Burg, ein Goethe-Institut, die Tramvaj, Becherovka, Hermelin, guten Kaffee, Antiquitäten, Kafka, Marktfreuden, tolle Aussichten, liebe Menschen, viele Menschen, ein schnelles Nudelrezept, geräucherten Käse, Marks&Spencer…

Fazit: Prag ist so schön wie alle sagen und manchmal noch schöner. Die Zugfahrt von Berlin dorthin kann aber locker mithalten. Der EC schlängelt sich durch die Sächsische Schweiz und ein langsamer Zug macht endlich mal glücklich.

Die Gabrielen müssen es noch eine Weile getrennt voneinander aushalten. Wie verrückt sammelt jeder Erfahrungen und Eindrücke und wir bleiben gespannt auf die geballte Wort- und Bildkraft, die daraus entspringen wird, wenn wir einander wiedersehen. Bis dahin gibt es hier weiterhin gut portionierte Happen. Heute: Prager Impressionen.

Ein Mein Dein Mittelmeer

Ich fliehe vor dem Ort
der für dich Rettung ist
und fahre ins Paradies.

Hier stehe ich und höre
der Welt beim Atmen zu
der Atem rauscht vor und zurück
umspielt meine Füße
spült meine Gedanken weg
und zurück bleibt nur Sand
und Salz zwischen den Zehen.

Hier ist Paradies
was am anderen Ufer Hoffnung heißt
hierher zieht mich
von Nord nach Süd
ein Wochenendtrip eine Flucht
aus dem Leben
hierher zieht dich
von Süd nach Nord
die Reise deines Lebens eine Flucht
vor dem Tod.

Der Atem der Welt rauscht
unermüdlich vor und zurück
und erzählt eure Geschichten
und ich stehe hier
mit beiden Füßen im Paradies
und höre zu.

Für immer ist dies
weil wir nicht aufpassen
mein Paradies
dein Grab.

(In Gedenken an alle Seelen, die das Meer behielt.)

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WHAT HANDS CAN DO

We’ve got two hands
tearing down walls
of ignorance brick by brick
and building a roof instead.

We’ve got two hands
fighting off hatred
and reaching out
to those in need of love.

We’ve got two hands
keeping a massive construction
made of a million cards
from tumbling down.

We’e got two hands
lifting each other up
when we break down
from the weight of it all.

We’ve got two hands
holding on to
what we stand and fight for
holding up high
what we raise our voice for
day in day out:

Hope and shelter
compassion and support
a little bit of peace and quiet
and a moment of solitude
for those –

whose walls got too high
whose roofs came crashing down
whose cards collapsed and left them
with nothing but their bare hands
reaching out for help.

We’re not being asked
to carry their burden
or fight their war
we’re just being asked
for a helping hand.

We’ve got two.

(For all those beautiful human beings reaching out and helping others every day.)

Gianna Lange

DIE FRAU MIT DEM NAMEN DER ROSE

Woran dachte sie, als sie an jenem Morgen an ihre Tür klopften?
Sie sagten, sie suchten nach einer ihren Namens.
Damals wusste sie nichts. Sie konnte es nicht wissen.
Als sie in die Schule ging, als sie sich zum ersten Mal verliebte
und als sie endlich ihr neues Leben begann.
Es gab noch eine mit demselben Namen, aber sie wohnte anderswo
und seit einiger Zeit, so erzählt man, hatte sie einen Mann.
Aber sie kamen an ihre Tür.
Hast du da in jenem Moment deinen Namen verflucht?
Oder hast du dich auf den Weg mit deinen Henkern mit Würde gemacht?
Was ist dir durch den Kopf gegangen, Ružice, als du allein
über jenem Grab im Dorf stillstandest?

(Für alle Frauen, die dem Krieg zum Opfer fielen.)

Martina Baljak

KREUZFAHRT

 

vom meeresspiegel stürzen die schiffe
ins tote. vögel ertrinken
im himmel der tränt das meer
die luft ist salzig.

auf den grund des meeres ist die schuld
gesunken soviel totholz wracks
strandgut und böse
land- und luftbrücken lügen
sie brechen und betrügen.

aber niemand kommt
und spaltet das meer
die erde zieht risse
beim warten und zittert.

himmel und häuser an land bleiben
verschlossen. das grundwasser tränt
und durchsalzt die erde
in den wasserleitungen riechts
nach meer. beim trinken
juckts und brennts.

alle wissen davon und warten aber
am himmel tut sich
nichts und niemand
spaltet diesmal das meer

und hebt die gestürzten
schiffe vom grund hebt
das salz aus der erde.

 

Katharina Mevissen

Im Gedenken an die Geflüchteten, die durch Bootsunfälle und gewaltvolle Abschottung der EU-Außengrenzen getötet werden.

Was ich gestern unterstrichen habe

Ich notiere, auf eine Postkarte an euch. Was ich gestern gefunden und unterstrichen habe, mit Bleistift, eine Stelle, an der ich stehen geblieben bin, in die Knie gegangen, aufgesprungen,  hin und her gelaufen. In Herta Müllers Roman „Herztier“:

„In den Büchern aus dem Sommerhaus stand mehr, als ich zu denken gewohnt war. (…) Die Bücher aus dem Sommerhaus waren ins Land geschmuggelt. Geschrieben waren sie in der Muttersprache, in der sich der Wind legte. Keine Staatssprache wie hier im Land. Aber auch keine Kinderbettsprache aus den Dörfern. In den Büchern stand die Muttersprache, aber die dörfliche Stille, die das Denken verbietet, stand in den Büchern nicht drin.
Dort, wo die Bücher herkommen, denken alle, dachten wir uns. Wir rochen an den Blättern und erwischten uns in der Gewohnheit, an unseren Händen zu riechen. Wir staunten, die Händen wurden beim lesen nicht schwarz wie von der Druckerschwärze der Zeitungen und Bücher im Land. Alle, die mit ihrer mitgebrachten Gegend durch die Stadt gingen, rochen an ihren Händen. Sie kannten die Bücher aus dem Sommerhaus nicht. (…)
Alle lebten von Fluchtgedanken. Sie wollten durch die Donau schwimmen, bis das Wasser Ausland wird. Dem Mais nachrennen, bis der Boden Ausland wird. (…) Man sah es ihren Händen an: Sie werden sich bald Ballons bauen, brüchige Vögel aus Bettlaken und jungen Bäumen. Sie hoffen, dass der Wind nicht stehenbleibt, um wegzufliegen.“

Aus: Herta Müller; Herztier. Fischer 2009: S. 55f.