da kommt sie, da kommt sie: die lyrik

stadt land fluss ich muss los mit dem rad stadt straße ecke kreisverkehr nein – da kommt sie da kommt sie die lyrik die dichtung die dich die mich die uns das dickicht bloss nicht poesie aber da biegt sie um die ecke mitten auf den radweg der kreuzt verkehrsadern autobahnen stichstraßen sackgassen schotterwege verkehrsbeunruhigte großstadtzubringer – da hat sie hektisch gewunken ich hab sie von weitem erkannt wollte abbiegen schneller sein heute was vernünftiges ordentliches schaffen was ohne sinn aber mit zweck hab abgewunken und gerufen ne jetzt nicht nur jetzt nicht! ach oder weiss gar nicht ob ich überhaupt was gerufen hab bin jedenfalls weitergeradelt gerast und als ich dachte abgehängt die scheiß poesie das klappt heute mit ordnung aufgabe und effekt da: springt sie aus dem gebüsch nimmt mir die vorfahrt und bremst mich aus dass ich mitten im verkehr zum stehen kommen also runter vom rad bitte mal kurz schieben über die vorfahrtskreuzungen ohne ampel zebra streifen fußgänger insel macht recht links oben unten blick kontakt weiter stadt verkehrs fluss zurück auf den sattel den kopf voller kreuzreime wortbilder warnschilder der helm das licht die klingel! ruft die mutter dazwischen was hast du am lenker auf dem kopf im kopf – licht noch nicht so helle ne stirnlampe und ne leuchtweste das kommt noch einfach hell sehen können leuchtende augen und reflektoren dann würd mich die poesie schon von weitem erkennen für heute ist die sache gelaufen sie sitzt jetzt auf meinem gepäckträger quengelt und will irgendwas bitte mal kurz schieben! ruft die lyrik in meinem rücken oder war das ein passant der zischt: das hier ist ein weg für kinder wägen kleine füße und hand in hand gänger eltern paare bitte mal kurz absteigen und schieben hier ist kopfsteinpflaster wo köpfe auf steine schlagen die keine helme tragen und kein licht am fahrrad und diese schwachköpfe die nicht bei der sache sind flausen und verse im kopf die was ohne zweck aber mit sinn machen und sich vor der poesie drücken wollen nur um heute mal zu was zu kommen – runter vom rad!

Gabrielen in Praha

Und immer wieder Osten: Kürzlich verschlug es zwei Gabrielen und reizenden Anhang ins wunderschöne Prag. Unser Kollektivhahn im Korb (möge er mir diese Bezeichnung verzeihen) verbringt dort seine Zeit bei der Prager Zeitung. Das eine oder andere Exemplar fand in uns natürlich Leser. Und wir fanden: die Moldau, Bier, Kopfsteinpflaster, eine Burg, ein Goethe-Institut, die Tramvaj, Becherovka, Hermelin, guten Kaffee, Antiquitäten, Kafka, Marktfreuden, tolle Aussichten, liebe Menschen, viele Menschen, ein schnelles Nudelrezept, geräucherten Käse, Marks&Spencer…

Fazit: Prag ist so schön wie alle sagen und manchmal noch schöner. Die Zugfahrt von Berlin dorthin kann aber locker mithalten. Der EC schlängelt sich durch die Sächsische Schweiz und ein langsamer Zug macht endlich mal glücklich.

Die Gabrielen müssen es noch eine Weile getrennt voneinander aushalten. Wie verrückt sammelt jeder Erfahrungen und Eindrücke und wir bleiben gespannt auf die geballte Wort- und Bildkraft, die daraus entspringen wird, wenn wir einander wiedersehen. Bis dahin gibt es hier weiterhin gut portionierte Happen. Heute: Prager Impressionen.

Ein Mein Dein Mittelmeer

Ich fliehe vor dem Ort
der für dich Rettung ist
und fahre ins Paradies.

Hier stehe ich und höre
der Welt beim Atmen zu
der Atem rauscht vor und zurück
umspielt meine Füße
spült meine Gedanken weg
und zurück bleibt nur Sand
und Salz zwischen den Zehen.

Hier ist Paradies
was am anderen Ufer Hoffnung heißt
hierher zieht mich
von Nord nach Süd
ein Wochenendtrip eine Flucht
aus dem Leben
hierher zieht dich
von Süd nach Nord
die Reise deines Lebens eine Flucht
vor dem Tod.

Der Atem der Welt rauscht
unermüdlich vor und zurück
und erzählt eure Geschichten
und ich stehe hier
mit beiden Füßen im Paradies
und höre zu.

Für immer ist dies
weil wir nicht aufpassen
mein Paradies
dein Grab.

(In Gedenken an alle Seelen, die das Meer behielt.)

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WHAT HANDS CAN DO

We’ve got two hands
tearing down walls
of ignorance brick by brick
and building a roof instead.

We’ve got two hands
fighting off hatred
and reaching out
to those in need of love.

We’ve got two hands
keeping a massive construction
made of a million cards
from tumbling down.

We’e got two hands
lifting each other up
when we break down
from the weight of it all.

We’ve got two hands
holding on to
what we stand and fight for
holding up high
what we raise our voice for
day in day out:

Hope and shelter
compassion and support
a little bit of peace and quiet
and a moment of solitude
for those –

whose walls got too high
whose roofs came crashing down
whose cards collapsed and left them
with nothing but their bare hands
reaching out for help.

We’re not being asked
to carry their burden
or fight their war
we’re just being asked
for a helping hand.

We’ve got two.

(For all those beautiful human beings reaching out and helping others every day.)

Gianna Lange

DIE FRAU MIT DEM NAMEN DER ROSE

Woran dachte sie, als sie an jenem Morgen an ihre Tür klopften?
Sie sagten, sie suchten nach einer ihren Namens.
Damals wusste sie nichts. Sie konnte es nicht wissen.
Als sie in die Schule ging, als sie sich zum ersten Mal verliebte
und als sie endlich ihr neues Leben begann.
Es gab noch eine mit demselben Namen, aber sie wohnte anderswo
und seit einiger Zeit, so erzählt man, hatte sie einen Mann.
Aber sie kamen an ihre Tür.
Hast du da in jenem Moment deinen Namen verflucht?
Oder hast du dich auf den Weg mit deinen Henkern mit Würde gemacht?
Was ist dir durch den Kopf gegangen, Ružice, als du allein
über jenem Grab im Dorf stillstandest?

(Für alle Frauen, die dem Krieg zum Opfer fielen.)

Martina Baljak

KREUZFAHRT

 

vom meeresspiegel stürzen die schiffe
ins tote. vögel ertrinken
im himmel der tränt das meer
die luft ist salzig.

auf den grund des meeres ist die schuld
gesunken soviel totholz wracks
strandgut und böse
land- und luftbrücken lügen
sie brechen und betrügen.

aber niemand kommt
und spaltet das meer
die erde zieht risse
beim warten und zittert.

himmel und häuser an land bleiben
verschlossen. das grundwasser tränt
und durchsalzt die erde
in den wasserleitungen riechts
nach meer. beim trinken
juckts und brennts.

alle wissen davon und warten aber
am himmel tut sich
nichts und niemand
spaltet diesmal das meer

und hebt die gestürzten
schiffe vom grund hebt
das salz aus der erde.

 

Katharina Mevissen

Im Gedenken an die Geflüchteten, die durch Bootsunfälle und gewaltvolle Abschottung der EU-Außengrenzen getötet werden.